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Auszug aus dem Bericht "Wolkenheim" Panorama 05/2007
(von Erwin Brunner)


Natürlich hatte ich noch überlegt. Frühmorgens in Hamburg in den Flieger, von München mit dem Leihwagen ins hinterste Ötztal, und zu Mittag los, hinauf zur Breslauer Hütte. In einem halben Tag von der Waterkant auf fast 2900 Meter, an den Fuß der Wildspitze, des höchsten Gipfels von Tirol! Ist doch irgendwie verrückt, ungesund – oder einfach nur ungehörig. Aber dann siegte die Berglust. Und als mich vor dem „Hotel Post“ in Vent diese sommerfrische, würzige Höhenluft umfängt und mir Dr. Klaus Küchenhoff, ein ranker, schlanker Mittsiebziger, mit strahlendem Lächeln „Grüß Gott!“ sagt, ist alles gut.

Warum sollten Wünsche nicht auch einmal schnell in Erfüllung gehen! Also nur noch mal eben ins Venter „Kaufhäusl“, um uns zu versorgen mit Kaminwurzen, Keksen und den neuesten Kennerworten zum Wetter, dann packt uns Christian Scheiber, Besitzer dieses unumgänglichen Ladens, zudem Pächter der Breslauer Hütte, in sein Fahrzeug. Wir hätten auch den Sessellift bis hinauf nach Stablein nehmen können, aber die angebotene „Autowanderung“ verkürzt nun den Aufstieg genauso von drei Stunden auf anderthalb. Die honorigen Herrschaften aus Breslau, die vor 130 Jahren die Spur für diese Bergtour legten, und sich in dieser steilen Welt rund 1000 Kilometer fernab von Schlesien ein Refugium schufen, hätten da wohl nur ungläubig gestaunt. Zu ihrer Zeit dauerte allein die Anreise zweieinhalb Tage, mit Eisenbahn und Pferdepost, das letzte Stück von Sölden herauf über einen abenteuerlichen Saumweg. Zu Fuß,
versteht sich. Küchenhoff, selber noch in der Stadt an der Oder geboren, seit neun Jahren Zweiter Vorsitzender der Sektion Breslau, erzählt es voller Bewunderung für den unbeirrbaren Pioniergeist der Altvorderen. Mit jedem Schritt, den wir an Höhe gewinnen, wird klarer, was die Professoren und Doktoren, Juristen und Prokuristen aus dem Flachland hier so sehr in den Bann schlug. Linkerhand zieht am Horizont eine gewaltige Prozession heran: Ramolkogel und Diemkogel, Talleitspitze und Kreuzspitze, umtänzelt von kleineren Gipfeln. Rechts steigt die Bergflanke immer steiler auf, bis schließlich der Rofenkarferner in den Blick kommt; heute weit zurückgeschmolzen, muss die türkis leuchtende Eiszunge damals noch buchstäblich zum Greifen nah gewesen sein. Ganz oben, irgendwo in den wabernden Nebeln, residiert Ihre Majestät, die Wildspitze. Und ihr zu Füßen – „auf einer Terrasse am südlichen Ende des Ötztaler Urkunds“, wie Professor Seuffert seinerzeit notierte – steht die Breslauer Hütte. Ein kleiner Weiler, sollte man vielleicht besser sagen, denn längst scharen sich vier Gebäude um den altehrwürdigen Kern aus dem Jahr 1882. Wie ein behäbiges Bauerngehöft, das hier trutzig Wind und Wetter und alle Wirren der Zeit überstanden hat, ein Wolkenheim in 2.844 Meter Höhe. Der Empfang ist vom Feinsten. Kaum haben wir unsere Rucksäcke abgelegt, prasselt auch schon ein Hagelschauer nieder, ein hochalpiner Gruß aus der Wetterküche. Gut, dass uns Alexander, der junge Hüttenwirt, jetzt erst mal „ein Schnapsl“ kredenzt und der Kachelofen in der Gaststube schon munter bollert. „Morgen“, sagt er, „muss es hier nämlich einigermaßen gemütlich sein“:

Die Männer vom „Arbeitseinsatz 2007“ sind im Anmarsch. So wie jedes Jahr werden zu Beginn der Bergsaison von reiwilligen der Sektion Winterschäden ausgebessert, Reparaturen erledigt, Markierungen erneuert. Diesmal ist Hochglanz gefragt, denn ein Jubiläum steht ins Haus: 125 Jahre Breslauer Hütte. Am 1. September wird zuerst unten in Vent festlich gefeiert. Tags darauf geht es zur Hütte, dann auf das Wilde Mannle, den kleinen Enkel der Wildspitze, und abends – dafür werden Alexander und Christian Scheiber schon sorgen! – in die Vollen.